2029 werden die letzten 200.000 Geräte an H-Gas angepasst. Dann ist der Prozess der Marktraumumstellung beendet, der 2015 in Schneverdingen (Niedersachsen) mit den ersten 8.000 Geräten begonnen hat. Bis Ende 2025 wurden 3,6 Mio. Geräte angepasst, rund 70 Prozent der Gesamtzahl von gut 5,3 Mio.. Damit sind eine Gesamtmenge von 182 TWh Erdgas von L-Gas auf H-Gas-Qualität umgestellt. In diesem Jahr werden noch einmal 516.000 Geräte angepasst. Die Zahlen nannte Stephan Kern vom Fernleitungsnetzbetreiber OGE in seinem Vortrag beim 13. Treffen der Dienstleistungsinitiative der Arbeitsgemeinschaft Erdgasumstellung (ARGE EGU) am 2. Juni in Bielefeld. Wobei die Zahl der Geräte, die von den Dienstleistungsunternehmen angepasst werden müssen sinkt, erläuterte Felix Sander Witthus, Partner Counsel bei BBH Consulting. BBH Consulting und die Anwaltssozietät Becker, Büttner, Held (BBH) betreuen die ARGE und beraten in vielen Projekten. Die zunehmende Zahl selbst-adaptierender Geräte ist ein Grund für die abnehmende Arbeitsbelastung der Monteure bei der Anpassung. Kern wiederum berichtete, dass zumindest im OGE-Netzgebiet sich wohl auch eine der letzten Herausforderungen für den Umstellungsprozess vermutlich weitgehend erledigt hat; die Schwankungen des Wobbe-Index bei L-Gas. Die waren vor allem der Einspeisung deutscher L-Gas-Produktion in das OGE-Netz geschuldet. Zwei dieser Einspeisepunkte, Steinbrink und Drohne-L sind seit Sommer 2025, beziehungsweise Ende Mai 2026 nicht mehr in Betrieb. Über den dritten Einspeisepunkt, Emsbüren kommen voraussichtlich noch bis zum 1. Juli 2027 homöopathische Mengen. Damit wird das OGE-System – aber auch das Thyssengas-Netz – praktisch nur noch mit Erdgas aus den Niederlanden mit einem sehr konstanten Wobbe-Index eingespeist. Aus den Niederlanden kommt lediglich noch „synthetisches“ L-Gas, das durch Beimischung von Stickstoff zu H-Gas erzeugt wird. Ob allerdings damit Messungen des Wobbe-Index bei der Anpassung obsolet werden, wollte Kern nicht sagen. Das muss jeder Netzbetreiber entscheiden.
Der Fokus von BBH Consulting, so Sander Witthus liegt darauf, sicherzustellen, die „Erfolgsstory Marktraumumstellung“ erfolgreich abzuschließen. Dier Berater haben deshalb die Dienstleister in den Bereichen technisches Projektmanagement, Erhebung und Anpassung sowie Qualitätsmanagement befragt, ob sie bis 2029 noch ausreichend Personalkapazität vorhalten können und wie sie mit dem sinkenden Auftragsvolumen aus der Marktraumumstellung umgehen. Ab 2028 sinken die Mengen deutlich und die Erhebungen werden dann komplett abgeschlossen. Das zentrale Ergebnis der Befragung war die klare Verpflichtung aller noch tätigen Dienstleister bis zum Ende des Prozesses die notwendigen Ressourcen bereitzustellen. Daniel Hermann, Prokurist und Bereichsleiter bei Enermess sagte sehr klar, die Marktraumumstellung habe Priorität, auch wenn die Herausforderung zunehme, das Personal auszulasten und im Thema zu halten. Die BBH-Umfrage zeigt die sehr unterschiedliche Auslastung und Aufstellung der Unternehmen. Sie beschäftigen zwischen 15 und 85 Monteure in der Erhebung und Anpassung. Schon 2027 liegt die Spannbreite der Anpassungen zwischen den Unternehmen bei 10.000 bis 120.000 Geräten. 2018 werden nur noch fünf Dienstleister in der Anpassung tätig sein.
Angesichts der auslaufenden Marktraumumstellung war in Bielefeld auch ein Thema, in welchen Geschäftsfeldern die Dienstleister in Zukunft tätig werden und wo weiter Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit Gasverteilernetzbetreibern bestehen. Für die Dienstleister ergeben sich grundsätzlich sehr gute Möglichkeiten, Monteure weiter im Energiebereich einzusetzen, betonten in ihren Impulsen für eine Diskussionsrunde die drei beteiligten Unternehmen. Sie profitieren dabei unter anderem stark von den Kompetenzen, die im Berich technisches Projektmanagement aufgebaut wurden. Aber auch konkret in der Kooperation mit Gasverteilernetzen sind die Möglichkeiten sehr gut. Gasverteilernetzbetreiber wollen immer weniger eigene Ressourcen für den Bereich vorhalten und vergeben Dienstleistungen extern, beobachtet Franka Simon-Host, Geschäftsführerin von Regiocom Netzdienste. Sehr konkret ist die Umsetzung der EU-Methanverordnung und die dadurch notwendige Messung von Methanemissionen ein Dienstleistungsthema. „Der Druck die Verordnung, die schon seit August 2024 in Kraft ist, umzusetzen steigt“, betonte Christian Thole, Partner bei BBH. Die Verordnung ist unmittelbar geltendes Recht auch in Deutschland. Für das Berichtsjahr 2026 müssen die Berichte auf der Basis von Messungen erfolgen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), eine Umwelt-Lobbyorganisation baut öffentlich Druck auf und kritisiert, die bisherige Berichterstattung entspreche vielfach vermeintlich nicht den rechtlichen Vorgaben. Das ist strittig. Aber Regiocom und auch Enermess haben für die notwendigen Messungen Kapazitäten aufgebaut, auch mit der Anschaffung jeweils eines Spezialfahrzeugs für fahrzeuggestützte Messungen, der Standard in diesem Bereich.
Die Verteilernetzbetreiber selbst können in einem anderen Bereich von den Erfahrungen der Marktraumumstellung profitieren. Eine EnWG-Novelle, die noch vom Bundestag verabschiedet werden muss, wird in Zukunft Gasverteilernetzbetreibern Netzentwicklungspläne bei einem dauerhaften deutlichen Rückgang der Gasnachfrage vorschreiben. Mit diesen Plänen wird der dann eine Umstellung von Netzen auf Wasserstoff oder der notwendige Stilllegungsprozess für Gasverteilernetze beschrieben. „Dieser Prozess ist vergleichbar mit der L-/H-Gas-Umstellung“, sagte Thole und fügte hinzu, er sei aber noch komplexer. Die zweite und dritte Lesung der EnWG-Novelle sind im Bundestag Mitte Juni geplant. Zum 1. Juli 2026 soll sie in Kraft treten.